Unsere Bauern und der chinesische Durst



Wie der Remstal-Landwirt am Weltmarkt krankt: Neue Mannschaft beim Bauernverband soll reagieren

 

von Pia Eckstein, Waiblinger Kreiszeitung am 23. April 2016, Bild: pixabay

 

Vorstandswahlen beim Bauernverband: Eine junge Mannschaft soll auf die Herausforderungen der Gegenwart reagieren. Die Frage: was tun, um den hiesigen und fernen Krisen zu begegnen? Ja wo kriselt’s denn? Ein weltumspannendes Gespräch mit ganz lokalem Schwerpunkt.

Was haben die Kühe unserer Rems- und Murrtal-Bauern eigentlich mit der Lust der Chinesen auf H-Milch zu tun? Tja, dieser Durst dort beeinflusst hier direkt den Geldbeutel. Denn selbst das kleinste Bäuerle hängt längst am mal beglückenden, mal verhängnisvollen Weltmarkt.

 

Zurzeit ist er für die Landwirtschaft eher verhängnisvoll. Die Chinesen zum Beispiel haben aus monetären Gründen beschlossen, dass es jetzt der Milch genug ist. Früher zahlten sie 2,50 Euro für den Liter. Jetzt kaufen sie gar nichts mehr. Und zack: Die Bauern hier, die noch vor kurzem containerweise Milchpulver nach Asien verschickten, bleiben auf ihrem Produkt sitzen. Denn der Kuh kann man ja nicht einfach den Hahn abdrehen. Die Folge: Bei uns wird die Milch billiger und billiger, denn irgendwie versucht man ja, die nahrhafte Flüssigkeit doch noch an Verbraucher zu bringen. Und dann fällt der Preis bis auf momentan 55 Cent und der Bauer kann davon nicht mehr leben.


Der „Schweinezyklus“ - nicht saumäßig gemein, sondern Markt

 

Der Bauernverband Schwäbisch Hall - Hohenlohe - Rems e.V. lebt seit Jahren mit diesem sogenannten „Schweinezyklus“. „Schweine-“ nicht, weil’s saumäßig gemein ist, was da alle Jahre wieder passiert. Sondern weil der Begriff irgendwann mal für das immer wiederkehrende Auf und Ab beim Preis fürs Schweinefleisch geprägt wurde. Tatsächlich aber ist fast jedes Produkt aus unserer Landwirtschaft betroffen. Und zurzeit prägt das Ab eben den Markt und zwar den ganzen: Neben Milch und Schweinefleisch sind auch das Getreide, das Obst und der Zucker betroffen. Also eigentlich so gut wie alles. Nur beim Geflügel läuft’s noch ganz gut. Geflügelfleisch wird immer mehr gefragt. Die vier großen Putenzüchter im Kreis können sich freuen.


Beim Bauernverband wurde kürzlich gewählt. Eine neue Vorstandsmannschaft soll sich jetzt, nach all der Arbeit in Stall, Feld und Flur, auch noch überlegen, wie diese Arbeit wieder lukrativer werden könnte. Ein harter Job, denn es ist nicht nur der Weltmarkt, der Kopfzerbrechen macht: Auch im Kontakt mit den direkten Nachbarn haben die Bauern einen schweren Stand.

 

 

Andreas Schunter und Martin Körner, Vertreter aus dem Rems Murr Kreis im Vorstand des Bauernverbandes Schwäbisch Hall - Hohenlohe - Rems im Gespräch mit der Redaktion

 

„Entfremdung“ lautet das Stichwort – der sonntägliche Spaziergänger findet zwar den großen Trecker aus der Ferne höchst attraktiv, aber höchst lästig, wenn er auf dem just ausgewählten hübschen Feldweg Lärm macht, staubt und zu lebensrettenden Sprüngen ins Grün zwingt. Wieso, kriegen die Bauern zu hören, müsst ihr gerade jetzt hier fahren, stinken, stören? Und dann noch all die Skandale ums arme, leidgeprüfte Vieh. Sind die Bauern die Bösen? Sind sie nicht.

 

Ausnahmen gibt’s natürlich immer wieder – aber grundsätzlich kann festgehalten werden: In den Schweine-, Kuh- und Hühnerställen geht’s nach Recht und Gesetz zu, Obst und Getreide werden nach Vorschrift behandelt. Und die Vorschriften in Deutschland sind streng. Selbst wenn’s, ums Paradies auf Erden zu haben, hier und da noch anders werden könnte. „Wer zu mir kommt und in den Stall gucken will, den schicke ich nicht weg“, sagt Andreas Schunter, Schweinebauer aus Erbstetten und neues Vorstandsmitglied. Die Leute gehen üblicherweise erst erstaunt und dann beruhigt wieder vom Hof.

 

So, hält die neue Vorstandschaft fest, muss es gemacht werden. Die Bauern müssen sich öffnen für die Leut’ ringsrum. Nicht dichtmachen, nicht sauer sein, weil womöglich mal wieder irgendwer kritisiert. Sondern einladen: Kommt und guckt. Denn auch die Rems-Murr-Kreisler sind ihre Kunden. Nicht nur die Chinesen, die ja gerade gar nichts mehr kaufen wollen.

 

Ach, die Russen sind natürlich auch noch mit dabei. Die haben quasi die Apfelkrise mitverursacht. Denn die EU hat im Zuge des Streits mit der Ukraine den Export nach Russland verboten. Daraufhin haben die Polen, die viele und gute Äpfel produzieren, sich nach neuen Märkten umgeschaut und, liegt ja nahe, Deutschland entdeckt. Was den Obstbauern hier schwer aufs Gemüt schlägt. „Das haben wir nach einer Woche gemerkt“, sagt der Geschäftsführer des Bauernverbands Helmut Bleher.

 

Die Bauern müssen den gegenwärtigen Trend zur Heimat ausnützen. Wer direkt vermarktet, bei dem läuft’s gut. Aber nicht jeder kann das. Hofläden müssen gut erreichbar, Fleisch muss möglichst schon verarbeitet sein. Was für einen kleinen Hof fast unmöglich ist. Honig, Eier, Nudeln, Obst, Erdbeeren und Wein sind begehrt und relativ einfach zu handhaben. Wie aber können die anderen wieder die Landlust wecken?


Beim einen hilft Bio, beim anderen der Hofladen, einer muss aufgeben

 

Es gibt, sagt Helmut Bleher, kein für alle passendes Konzept. Beim einen hilft die Umstellung auf Bio, beim anderen die Direktvermarktung, der Nächste muss größer werden, der Übernächste hört auf.


Nur eines, da sind sich die Landwirte einig, geht gar nicht: wenn sich die Politik einmischt. Die hat gerade, um wieder zum Thema Milch zurückzukommen, angeboten, die Milchseen in Form von Trockenpulver aufzukaufen. Um den Milchbauern zu helfen. Die lehnen dankend ab. Denn die schnelle Hilfe jetzt führt dazu, dass irgendwann, wenn der Schweinezyklus bei der Kuhmilch mal wieder in die Aufwärtsbewegung einschwenkt, dieses Trockenpulver auf den Markt geworfen wird. Das investierte Geld soll ja nicht ewig vor sich hin stauben. Und dann kriegt der endlich steigende Milchpreis wegen Überangebots gleich wieder eins auf den Deckel.

 

Der neue Vorstand

 

Klaus Mugele aus Forchtenberg bleibt Vorsitzender des Bauernverbands Schwäbisch Hall – Hohenlohe – Rems. Er wird durch ein neues Stellvertreterteam ergänzt.


Vorstände sind für Schwäbisch Hall: Marcus Nübel aus Engelhofen, Milcherzeuger. Für Crailsheim: Harald Gronbach aus Ingersheim, Milcherzeuger. Für den Hohenlohekreis: Jürgen Maurer aus Fessbach, Zuckerrüben und Schweinemast. Für den Rems-Murr-Kreis: Andreas Schunter aus Erbstetten, Ferkelerzeuger.
Als Vertreter des Rems-Murr- Kreises wurden gewählt: Rainer Eisenmann, Vorderhundsberg, Direktvermarktung und Ferkelerzeugung. Christian Kugler, Welzheim, Milchvieh und Wald. Jürgen Ziegler, Schorndorf, Milchvieh. Harald Wurst, Murrhardt, Milchvieh. Stefan Wieland, Schiffrain, Milchvieh. Martin Körner, Strümpfelbach, Obstbau.

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