Tierwohl konkret? Mitten im Tauziehen um die Verschärfungen in der Schweinezucht.



Hof Karle. Kupferzell - Hohenlohe 

Der Begriff Tierwohl ist in aller Munde. Gerade die Schweinehalter werden immer wieder angegriffen. Bilder von eng beieinander lebenden Tieren kursieren durch die sozialen Netzwerke und werden pauschal angeprangert. Aber was heißt Tierwohl konkret? Wer weiß, was richtig und falsch für die Tiere ist? „Es geht immer darum, die Lebensqualität und das Wohlergehen unserer Tiere zu verbessern“, weiß die konventionell arbeitende Landwirtin Susanne Karle aus Kupferzell.  

Mit falsch verklärter Landwirtschafts-Romantik hat das nichts zu tun. Man geht von drei wesentlichen Punkten aus, die für das Tierwohl entscheidend sind: die Gesundheit und das Wohlbefinden der Tiere, sowie die Möglichkeit, ihren natürlichen Verhaltensweisen nachzugehen. Grundlage vieler Bewertungssysteme für das Tierwohl ist das Konzept der "Fünf Freiheiten": Die Tiere müssen unter anderem frei von Hunger und Durst, von Schmerz, Verletzungen und Krankheiten sowie von Angst und Stress sein. „Als Landwirtin oder Landwirt achten wir beispielsweise darauf, dass das Stallklima und die Betriebshygiene optimal sind. Wir achten weiter darauf, dass der gesetzliche vorgeschriebene Platzbedarf eingehalten wird, dass die Tiere ihr altersgerecht passendes Futter erhalten und sich wohl fühlen.“  

 

Schweinezucht hat in Hohenlohe eine lange Tradition. Aber heute ist es nicht mehr leicht, das aufrecht zu erhalten und viele Landwirte hier in der Region geben diesen Zweig auf. Immer neue Gesetze und Vorschriften erschweren die wirtschaftliche Planbarkeit für die Betriebe, zum Beispiel für Investitionen. Investitionen sind für die, auch von den Verbrauchern geforderten Tierwohlkriterien, aber nötig. „Früher waren die Ställe eben klein und dunkel. Heute gehören Tageslicht, mindestens 10% mehr Platz, Kühl-und Klimaanlagen für heiße Sommer, Beckentränken und Spielzeug für die Tiere dazu“, erklärt Landwirtin Susanne Karle. Da muss ganz oft komplett neu gebaut werden.

 

„Aufgeben ist nicht. Wir müssen weiter machen, um das bezahlen zu können“. Für den neuen Mast- und Ferkelstall und den Umbau der Abferkelställe investierte der Familienbetrieb in den letzten Jahren über eine Million Euro. Den Hof bewirtschaften sie seit drei Generationen und aktuell mit 3 Arbeitskräften. Einen 8-Stunden-Tag gibt es nicht. „Da muss man auch mit leichtem Fieber und Unwohlsein arbeiten, so ist das in der Landwirtschaft.“ Die Karles waren als Landwirtsfamilie gleich Anfang März von dem Erreger Covid-19 betroffen, sie wissen wovon sie reden. Aber sie haben es geschafft, ihre insgesamt 1800 Tiere auch in dieser Zeit gut zu versorgen. Das ist nicht selbstverständlich, „denn es hören viele auf in meinem Alter“, weiß die Diplomagraringenieurin. Sie hat in Triesdorf studiert und seit 2005 ihren Abschluss. Und weil sie viel davon versteht, arbeitet sie zusätzlich in der Firma Objektplan des Bauernverbandes. 

 

350 neue Ferkel - alle drei Wochen. Auf dem Hof Karle kommen bei rund 30 von 200 Muttersauen im Drei-Wochen-Rhythmus je 12-14 Ferkel zur Welt. Zuvor sind die Sauen für drei Monate, drei Wochen und drei Tage tragend. Statistisch gesehen sind das pro Muttersau 2,4 bis 2,5 Würfe im Jahr und in ihrem Leben insgesamt 7 bis 8 Würfe. Vier Wochen bleiben die Ferkel bei der Muttersau und werden gesäugt. Circa 10 von ihnen werden später selbst als Muttersauen aufgezogen und sichern die eigene Nachzucht zur Erhaltung des Bestandes. Das wird in der Landwirtschaft Eigenremontierung genannt. Die anderen Tiere werden als Mastschweine herangezogen und schlussendlich zum Schlachter gebracht, wobei auf kurze Transportwege geachtet wird. Das begehrte Fleisch, geht an einen großen Lebensmittelkonzern für regionale Einkäufe. Das Futtergetreide und der Mais für die Tiere werden selber angebaut und ergänzen den Arbeitskreislauf auf dem Hof Karle am Rande von Kupferzell.

 

Von der Wochenstation bis zum Jugendtreff: Für jede Phase im Leben, sprich nach Alter, Kondition und Größe, werden die Tiere in unterschiedlichen Ställen gehalten. Generell unterteilt man dabei in Abferkel-, Ferkel- und Maststall. Diese wiederum sind immer in Kammern geteilt, um regelmäßige Reinigung und Desinfektion zu erleichtern. Da sind die „Mütter“ allein mit ihren „Kindern“, die schon etwas größeren Ferkel toben quasi im „Kindergarten“ miteinander, „Teenager“ sind zu dreizehnt in ihrer Gruppe. Beim vorsichtigen Rundgang durch einen Ferkelstall wird dann auch schnell klar: die Jungtiere sind schreckhaft und reagieren auf fremde Stimmen unvertrauter Personen mit Vorsicht und Rückzug. Neugierig wie sie sind, gibt sich das schnell wieder und sie schnuppern an der gereichten Hand.  

 

Wir machen es gern, weil es so vielseitig ist. Vom Ackerbauer, über den Schweinhalter bis zum Manager und zur Bürokraft ist alles dabei. „Besonders das Arbeiten mit den Schweinen, zu sehen wie sie auf die Welt kommen und wachsen...“ treibt Susanne Karle als junge Landwirtin an. Sie engagiert sich zusätzlich im Vorstand des Bauernverbandes für ihren Berufsstand und wünscht sich, dass die Konsumenten noch mehr darauf achten, regional zu kaufen. Denn gern möchte sie noch lange und zusammen mit Ihrer Familie die Hof-Tradition der Schweinezucht hier in Hohenlohe weiterführen.

 

Aktuelles Statement von Geschäftsführer Helmut Bleher zum Preiscrash durch Corona. Die fehlende Nachfrage in der Gastronomie und aus den wichtigen Exportmärkten, wie zum Beispiel für Schweinefüße, Schwänze, Rüssel und Innereien in China, haben zu einem regelrechten Crash der Preise geführt. Wie vor diesem Hintergrund gesellschaftliche Sonderwünsche zu finanzieren sind, ist dem Geschäftsführer des Bauernverbandes Helmut Bleher unklar: „Unsere Hohenloher Bauern sind die ersten, wenn es darum geht, mit Innovation und auch Investition im Stall noch bessere Verhältnisse zu schaffen. Überdrehen darf man die Forderungen aber nicht. Wir brauchen gerade jetzt, wenn das Geld hinten und vorne fehlt, viel mehr Zeit, um notwendige Anpassungen zu finanzieren“. Helmut Bleher appelliert an die Vernunft der Politiker im Bundesrat, wo in den letzten Wochen ein sprichwörtliches Tauziehen um Verschärfungen in der Schweinehaltung stattgefunden hat. Die neue Verordnung zur Nutztierhaltung soll mehr Platz für die Tiere schaffen. Sie ist aber mehrfach gescheitert, weil noch schärfere Fristen für die Umsetzung gefordert worden wurden. „Die Bauern brauchen sprichwörtlich die Luft zum Atmen und zum Arbeiten“, so Bleher.

 

 

 

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