Strukturwandel in der Landwirtschaft: Betriebsbesuch auf dem Hof Wilhelm in Mulfingen



Vertreter des Bauernverbandes und der Bundestagsabgeordnete Harald Ebner vom BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN tauschen sich auf dem Hof von Familie Maike und Markus Wilhelm in Mulfingen über die regionale Schweinehaltung aus. Das spezielle Thema waren die neuen, vom Bundesrat beschlossenen Regelungen in der Tierhaltung und entsprechende Auswirkungen der Neuerungen vor Ort in Hohenlohe. Der Termin fand im September statt. 

Das neue Deckzentrum des Ferkelerzeugerbetriebes Wilhelm ist Ende Mai 2020 bezogen worden. Geplant wurde das Projekt mit wissenschaftlicher Beratung und als besonders tierwohlgerechter Stall. Trotzdem ist es aufgrund des zeitgleich verabschiedeten Bundesratsbeschluss zur Tierhaltung heute schon „veraltet“. Viele tausend Euro wären notwendig, um den Stall auf den aktuellen Stand der Vorschriften zu bringen. Als Alternative bleibt die Reduzierung des Viehbestands, mit der Folge, dass weniger Einkommen erzielt wird. Dieses Dilemma der unkalkulierbaren politischen Beschlüsse ist für die Landwirte existenziell. Der Bauernverband Schwäbisch Hall - Hohenlohe - Rems möchte von Vertretern der Politik wissen, wie man sich dort die Landwirtschaft der Zukunft vorstellt. „Wir wollen wissen, wo die Reise hingeht“, betont der Geschäftsführer Helmut Bleher. „Wir Bauern können nicht heute Millionen in tierwohlgerechte Ställe investieren, wenn diese durch einen gefühlt willkürlich entstandenen Gesetzesbeschluss morgen schon veraltet sind“, so Maurer weiter.

 

 

 

Auch Abgeordneter Ebner bekennt sich zu einer, für landwirtschaftliche Betriebe existentiell notwendigen, Planungssicherheit. „Das Magdeburger Urteil gab es bereits 2015. Warum wurden die Landwirtinnen und Landwirte vom zuständigen Ministerium so lange in Unsicherheit gelassen?“ Auch auf die Trendumkehr in der Gesellschaft, den Wunsch und die Notwendigkeit nach mehr Tierwohl und einer höheren Umweltverträglichkeit, müssen sich die landwirtschaftlichen Betriebe sicher einstellen können. „Deshalb fordern wir seit langem, dass Leistungen für die Umwelt und die Gesellschaft besonders honoriert werden“, so der Abgeordnete. Das beschreibt auch Jürgen Maurer als Vorsitzender des Verbandes und als Landwirt ähnlich. Er weiß, dass sich viele Bäuerinnen und Bauern fragen, wie es weiter gehen soll. Er kündigt an, für die Existenz der Höfe in der Region zu kämpfen. Dabei verkennt er nicht, dass die Bedürfnisse der Menschen unserer Gesellschaft von der Landwirtschaft aufgenommen werden müssen. „Tierwohl ist jedoch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Landwirte dürfen dabei nicht bis an die Schwelle ihrer Existenzsicherheit gefordert werden. Zudem brauchen sie, mit dem Blick auf immer neu entstehende Auflagen, mehr Planungssicherheit“, betont Maurer.

 

 

 

Landwirtschaft muss auskömmlich und zukunftsfähig sein. Trotz unterschiedlicher Herangehensweisen und kontroversen Diskussionen, wie es funktionieren könnte, ist sich die Gruppe in diesem Punkt einig. „Wir können weiter existieren, wenn man uns mitnimmt“ sagt Markus Wilhelm, der den Familienbetrieb als einen typischen Hohenloher Betrieb beschreibt. Seine Frau Meike und er haben sich bewusst für die Sauen-Haltung entschieden und deshalb auch das neue und tierwohlgerechte Deckzentrum mit 140 Plätzen errichtet. Der Betrieb zeigt beim Besuch anschaulich, dass die Wilhelms sich bewusst auf den Weg gemacht haben, einen tiergerechteren und modernen Stall zu bauen. Durch die späte Klarheit hat der Betrieb das Problem, dass sie den neuen, bis vor 6 Monaten weit über die damals geltenden Vorschriften hinaus, für 800 000 Euro erbauten Stall, in acht Jahren so nicht mehr betreiben zu dürfen. Denn die darin lebenden Tiere haben hier „nur“ 3,8 von den nun gesetzlich geforderten 5 Quadratmetern Platz.

 

 

 

Landwirtschaft denkt in Generationen. Eine weitere Einigkeit der sehr heterogenen Gruppe besteht darin, dass landwirtschaftliche Betriebe eine Perspektive für die Hofnachfolge benötigen. Auch der älteste Sohn der Wilhelms stellt sich viele Fragen. Durch die aktuellen Krisen, wie Corona oder der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest ASP, die die Branche schwer treffen, bleiben aktuell leider viele Fragen offen. Gerade jetzt ist es wichtig, im Dialog zu bleiben und den Landwirtinnen und Landwirten schnelle und wirksame Lösungen an die Hand zu geben. Es geht darum, die Betriebe krisenfest aufstellen zu können und die regionale bäuerliche Landwirtschaft zu erhalten.

 

 

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