Mehr Tierwohl im Stall muss gekauft und bezahlt werden



Martin und Sigrid Dürr betreiben in Schrozberg - Leuzendorf einen Hof mit Muttersauen und Ackerbau. Zusätzlich sind beide in vielen Ehrenämtern aktiv. Sigrid Dürr zum Beispiel im Vorstand des Bauernverbandes und bei den Landfrauen. Martin Dürr wiederum ist in zwei Genossenschaften – der LBV, dem ‚Schrozberger Lagerhaus‘ und der Raiffeisenbank Schrozberg, im Fernwärmeverbund mit 40 Teilnehmern, im Posaunenchor und beim Zuchtverband aktiv. Für ihre Hofplanung müssen sie sich aus mehreren Gründen wieder neu aufstellen.    

„Unsere Kinder geben uns derzeit die Kraft weiterzumachen“, sagen Sigrid und Martin Dürr über ihre Situation. Und diese wird, wie aktuell bei vielen Schweinezüchtern, nicht nur von der äußerst schwierigen Situation in der Tierhaltung geprägt. Ihre Hofplanung wurde komplett zerstört, weil ihr ältester Sohn und Hofnachfolger verunglückt ist. Er war fast fertig mit der Ausbildung und nun müssen sie sich neu aufstellen. In vielerlei Hinsicht. „Pläne haben wir viele gehabt“, sagen die Hofinhaber Dürr. Sie wollten den Hof so aufbauen, dass ein oder zwei Familien davon leben können. Aktuell schaffen sie die Arbeit rund um die 200 Muttersauen mit einem Azubi und ihren Kindern Lara und Torsten allein. Sie arbeiten in und mit einer Maschinengemeinschaft, wo man sich die Maschinen und die Kosten dafür teilt. „Da sind wir sehr, sehr froh und das funktioniert auch sehr gut“, freuen sie sich. Beide fast erwachsene Kinder lernen und arbeiten in der Industrie und leben noch im elterlichen Haus. „Unsere Tochter ist mehr Junge als Mädchen, ein richtiges Dorfkind und fährt gern Traktor“, sagt der Vater stolz. „Sie kommt nach Hause, zieht sich um und fragt, was der Papa schafft“, ergänzt die Mutter. Meint: Wo kann ich helfen? Dafür kocht der Sohn Torsten auch mal für alle. Wie auf den Höfen üblich: Für die Oma und den Azubi Christoph gleich mit. Er macht seine Sache gut, wie die Hofinhaber sagen. Und das ist ja in Hohenlohe ein ‚dickes Lob‘.

 

Gleichwohl sind die Dürr’s nachdenklich. Martin Dürr weiß: „Ich kann den Kindern heute nicht sagen, Ihr müsst das weiter machen.“ Dabei gibt es den Hof bereits mindesten in 6. Generation, seit drei Generationen unter dem Namen Dürr. Davor waren es immer die ‚Frauen der Familie‘, die den Hof mit ihren Männern übernommen und deren Namen angenommen haben. 1945 ist der Hof komplett ausgebrannt, nur eine kleine Scheune hat den Einschlag einer Granate überstanden. Löcher von Splittern sieht man an ihrer Holzwand heute noch. Von da an hat der Vater von Martin Dürr nur gebaut, erinnert sich der Landwirt. 1995 hat er den Betrieb von seinen Eltern übernommen und einen Maststall für 300 Tiere gebaut. 2010 wurde der Betrieb wieder sowohl um- als auch neu gebaut, um es mit der Arbeit zu schaffen. Sie haben auf ein geschlossenes System umgestellt, in dem die Hälfte der erzeugten Ferkel für die Nachzucht auf dem Hof bleiben und die andere Hälfte als Ferkel verkauft wird. Vor sieben Jahren nun sind sie mit den Bauen fertig geworden. „Und dann sind die Preise in den Keller gerutscht. Nun hängen wir an den Krediten“, stellt Martin Dürr klar. Den Umbau für mehr Tierwohl auf Haltungsstufe zwei werden sie schaffen – weniger Tiere und mehr Beschäftigungsmaterial – das lässt sich relativ einfach realisieren. „Mehr Stroh zum Liegen und zur Beschäftigung, das bekommen wir in den Griff“, sagen die Dürrs. „Aber Stufe drei und vier geht nicht“, wird von ihnen ergänzt. Dass sie den Stall so umbauen, dafür fehlt den beiden Hofbetreibern gerade die Fantasie, wie sie selbst sagen. In ihren Augen ist die vielbesprochene Tierwohlprämie nicht mehr als eine Aufwandsentschädigung, die keine Kosten der Arbeitskräfte deckt. „Wenn wir das Fleisch mit diesen Labeln produzieren, muss der Preis rauf“, da sind sie sich sehr sicher. Schlussendlich muss das Produkt über dem Entstehungspreis verkauft werden können. Dafür sollte die Politik aus Sicht von Sigrid und Martin Dürr die Rahmenbedingungen schaffen.    

 

 

 

Das ist einfach mein Bereich, sagt Sigrid Dürr zu ihrem gleichnamigen „Blumenzimmer“. Auf Bestellung und in Bastelkursen bietet sie jahreszeitliche Floristik an. Es ist ihr wichtig, dass man die Jahreszeiten in ihren Arbeiten sieht: Im Frühling die Birke und das Moos - im Sommer zum Beispiel Getreide. Die Landfrauen und private Gruppen kommen gern auf den Hof und in die großzügigen hellen Räume der gelernten Floristin. Seit 1997 betreibt sie diesen Ausgleich als Kleingewerbe. Auch größere Aufträge nimmt sie gern an. Dafür schaffe ich auch manchmal die Nacht durch“, schmunzelt sie. Ein riesengroßer Strauß ist gerade fertig geworden und wartet auf Abholung. Übrigens hat die Familie beim letzten Stallbau extra Hecken angepflanzt, wo sie nach Bedarf abschneiden kann und sich auch Vögel daran freuen. So wie ihr Mann auch, genießt Sigrid Dürr am Leben auf einem Hof, dass sie ihr eigener Chef ist und dass sie die Verantwortung, sich ständig Wissen anzueignen, um den Betrieb gut leiten zu können, selber tragen. Sie wissen es sehr zu schätzen und empfinden es als Luxus, dass sie sich ihre Zeit selber und flexibel einteilen können.  

 

 

 

Wir schauen mal, wie es weitergeht. „Wir lassen es laufen, es geht auch gar nicht anders. Und wenn sich was auftut, bin ich der Letzte, der es nicht machen würde“, sagt Landwirt Dürr. „Unsere Tochter träumt davon, dass sie nächsten Sommer mit dem Güllefass fahren darf. Das geht ab 16 Jahren mit dem Landwirtschaftlichen Schlepperführerschein“, sagen Sigrid und Martin Dürr schmunzeln und stolz zugleich. Aber das sind eben auch 40 Tonnen Masse, die drei Meter breit sind, geben sie umsichtig zu bedenken. Die Hofbetreiber wünschen sich, dass die finanziellen Sorgen, die die meisten landwirtschaftlichen Betriebe umtreiben, wieder ins Gleichgewicht kommen und sie ordentlich von ihrer Arbeit leben können – ohne Handstände zu machen, wie sie sagen. „Aktuell ist uns der Spielraum genommen“, schließt das Ehepaar Dürr seine Überlegungen.  

 

 

 

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