Fehlende Pflanzenschutzmittel erschweren Anbau und Ernte der gesunden Knollen.



„Wir bauen teilweise seit 40 Jahren Rote Beete an. Aber so ein Jahr haben wir noch nicht erlebt“, da sind sich Jochen Böhrer vom Gollenhof und Kai-Uwe Häußermann als einer von drei Vorständen der Rode-GBR Mittlerer Neckar einig. Der Ertrag schwankt zwischen 200 und 650 Dezitonnen – das ist eine enorme Spanne und im Schnitt 33% weniger als sonst. Wie kommt das?

 

 

Große Trockenheit und fehlende Unkrautbekämpfungsmittel. Im aktuellen Jahr ist die Ernte und die folgende Lagerung der Roten Beete im mittleren Neckartal und in der angrenzenden Backnanger Bucht, so auch auf den Äckern um Leutenbach, eine besondere Herausforderung. Langanhaltende Trockenheitsphasen haben die roten Rüben zum einen oft sehr klein und weich bleiben lassen. Das allein macht 15 % Verlust in 2020 aus. Doch das nicht genug: Unkräuter wachsen zwischen den, im 50 Zentimeter Abstand angelegten, Reihen teils hüfthoch und kosten weitere 10 - 15% Ertrag. „Durch die Trockenheit haben die ausgebrachten Unkrautbekämpfungsmittel nicht so gewirkt, wie sie sollten. Zusätzlich wurden wir vom Abnehmer angehalten, wegen der eventuellen Rückstände, noch unter den zulässigen Mengen zu bleiben“, berichtet Landwirt Böhrer. Seine Äcker sind zum Teil voller Melde, das ist ein äußerst hartnäckiges und rasant wachsendes Unkraut, das als starker Nährstoffkonkurrent andere Pflanzen im Beet verdrängen kann. Aber auch ein Unkraut mit dem schönen Namen Samtpappel ist zu finden. Sie kommt ursprünglich aus Asien und ist besonders seit 2000 in ganz Mitteleuropa zuhause. „Vor allem in Rübenäckern, da die dafür zugelassenen Mittel keinen Schutz dagegen bieten“, weiß Jochen Böhrer. „Die Pflanzen bilden so bis zu 10 000 Samen und sind fast nicht zu bekämpfen“. Landwirte reißen sie deshalb mit der Hand aus und tragen sie aus dem Feld.   

 

 

 

Rote Beete hat Tradition in der Region um Winnenden. Es gibt davon 20 Sorten – runde und lange Rüben. Hier werden jedoch nur zwei Sorten angebaut. Mit einem dafür umgebauten 20 Tonnen schweren Roder werden sie geerntet. Das heisst: Vom Wetter abhängig, werden sie aus dem Boden aufgenommen, von Erde gereinigt und wenn der Hänger, vom Landwirt Bunker genannt, voll ist, am Feldrand abgeladen. Dort nimmt sie dann innerhalb der nächsten vier Wochen die Verlademaus noch einmal auf, um sie weitgehend vom Unkraut und restlichen Erdbrocken zu trennen und wieder sauber abzulegen. In einem normalen Jahr ist das nicht nötig, da sind die Rüben ohne weitere Reinigung lagerfähig. Bis sie zur Verarbeitung abtransportiert werden, dürfen die Rübenfrüchte durch die Feuchtigkeit von Erde und Kräutern nicht faulig werden. Auch vor Frost werden sie mittels Planen geschützt. Zehn Landwirte bauen die gesunden Früchte auf rund 120 Hektar traditionell rund um Winnenden an, 15 davon bewirtschaftet Landwirt Jochen Böhrer. In guter Gemeinschaft arbeiten alle Rote Beete- und Zuckerrübenanbauer bis zum südlichen Heilbronner Raum und im Kreis Ludwigsburg als Kollegen mit zwei eigenen Rodern zusammen. Das geschieht bei der Roten Beete in drei Ernteblocks: der erste Block startet im August mit der Ernte der runden schnellwachsenden Sorten. Dann folgen die langen Sorten bis zu dem Zeitpunkt, wo die Zuckerrübenernte beginnt, also Anfang bis Mitte September. Denn da wird der Roder für diese Rübenfrüchte umgebaut, was immerhin je einen halben Tag in Anspruch nimmt. Der dritte Ernteblock, zur Einlagerung über den Winter startet, wenn der Roder zwischendurch ein paar Tage frei ist. Die letzten Rübenhügel an den Feldrändern werden im Frühjahr verarbeitet. Hauptsächlich natürliche Lebensmittelfarbe, zum Beispiel für die Farbe von Jogurt, wird als Konzentrat daraus hergestellt.          

              

 

 

Was aber tun, wenn sich der Roder durch das viele Unkraut festfährt? Bauer Böhrer holt kurzerhand seinen Schlepper, hängt das Mulchgerät an und kappt damit zuerst mal die Unkrautpflanzen. Nun ist der Weg frei für die eigentliche Ernte: Der Top-moderne Roder fährt anschliessend mit seinen breiten, Boden schonenden Niederdruckreifen im sogenannten Hundegang, also Führerhaus und Anhänger versetzt, nun problemlos hinterher. Auf diese Weise wird der Boden nicht zu sehr verdichtet, da sich das Gewicht des Fahrzeuges besser verteilt. So schonend wie möglich also.  

 

 

 

Ganz auf Ackerbau eingestellt. Jochen Böhrer stammt aus dem Ort und führt den Betrieb in dritter Generation. Er ist Staatlich geprüfter Landwirt und Mitglied im Bauernverband. Er bewirtschaftet seinen Hof in Leutenbach – Weiler zum Stein allein und ohne Vieh: insgesamt 71 Hektar Ackerland für den Anbau von Winterweizen, Braugerste, Wintergerste, Biogasmais, Körnermais und Soja. Dazu kommen noch 21 Hektar Grünland zum Heuverkauf. Naja, und eben die Rüben – auch Zuckerrüben. Bis 2005 hatte er 60 Milchkühe und bis 2011 Rinder- und Schweinemast, teilweise in direkter Metzgervermarktung. Dies hat er aufgegeben, die Ställe waren veraltet und ein Um- oder Neubau wären zu hohe Investitionen gewesen. Zudem führt er den Hof allein, das wäre nicht zu schaffen. So folgt er der Tradition und ist in guter Gesellschaft der Rübenanbauer in der Region um Winnenden, „auch wenn das nicht immer lustig ist“, wie er angesichts der Ernteverluste 2020 sagt.         

           

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